In Baumkronen turnen
Zwei Romanshorner Baumpflege-Spezialisten wissen, wie man sich auf Äste hinaus lässt

Die beiden Romanshorner
Patrick Staffa und Martin Nafzger turnen beruflich auf Bäumen herum, weil sie wissen, wie man(n) sich auf Äste hinaus lässt: Sie sind beides, Baum-Liebhaber und -pfleger. Staffa hat das Diplom des biga-anerkannten Zweitberufs bereits in der Tasche, Nafzger ist auf dem Weg dazu.
Selbst ist der Mann: Patrick Staffa und Martin Nafzger wissen Dinge über Bäume, von denen andere noch nie gehört haben. Steigeisen sind bei ihren Kletterpartien tabu.

Bild: Christoph Zweili


«Im Sommer ist die Vitalität von Birke, Erle und Nussbaum grösser. Diese Bäume mit ihren grossen Wasserporen im Winter zu schneiden, wie der Volksmund rät, ist zwar biologisch nicht schädlich, aber sinnlos.» Patrick Staffa, 31, ist gelernter Forstwart und seit 1994 ausgebildeter Baumpfleger. Sein Kollege Martin Nafzger, 42, ist Gärtnermeister und hat die Ausbildung zum Baumpfleger ebenfalls bald abgeschlossen – die beiden arbeiten als Team. Beide wissen viel über die Bäume, nicht nur, dass die Birke jetzt Wasser drückt und dass sie nach dem Beschneiden im Winter tagelang «blutet» oder dass die Wundheilung im Sommer generell besser als im Winter ist.

Raupen auf Bäumen
Um zu demonstrieren, wie sie das Totholz in der Baumkrone der rund 60 Jahre alten Linde vor der evangelischen Kirche in Romanshorn von Hand entfernen, haben sie sich suva-konform in Bergsteiger- Manier angeseilt. In speziellen Sicherheitshosen und klobigem Schuhwerk, auf dem Kopf den Schutzhelm, hängen sie an einem elf Millimeter dicken Kernmantel-Seil und hanteln sich mit einer Art Raupentechnik behende zur Krone hinauf, als hätten sie ihrer Lebtag nichts anderes getan. Eine kurze Verschnaufpause, um die Enden des Sicherungsseils mit Karabiner und Prusikknoten über zwei Astgabeln neu zu befestigen, dann packen beide wieder zu. Bald krachen die ersten Äste auf den Boden.
Es ist gezielte Arbeit, die da ver-richtet wird, ohne den Baum zu verstümmeln, so wie dies häufig geschieht. Kaum ein Punkt in der Baumkrone, der so nicht erreichbar wäre: anders als beim Baumschnitt mit Leiter oder Hebebühne.
Zurück auf dem Boden, wird auch dem Laien schnell klar, dass von den Berufsleuten mehr als nur die physisch gute Konstitution abverlangt wird. Wer die 24-monatige Praxisausbildung zum Baumpflege-Spezialisten absolvieren will, muss über Baumbiologie, Stoffwechsel, Nährstoffe, die visuelle Beurteilung der Bäume oder das Erkennen der Gefahrensymptome wie Stauchungen, Faser-oder Frostrisse Beschei d wissen.
Dieses Wissen kann berufsbegleitend an der Ingenieurschule in Wädenswil erworben werden. Auch die Behandlung von Wurzel-verletzungen durch Bauarbeiten mit nachfolgendem Pilzbefall ist Teil der Ausbildungskurse. Wo die visuelle Diagnostik nicht mehr weiter hilft, liefert ein mechani-sches Gerät zusätzliche Angaben zu Dichte und Widerstand und damit Aufschluss über den Zustand des wasserleitenden Teils und das Kernholz. Bäume langfristig erhalten

«Uns ist der längerfristige Erhalt der Bäume wichtig», sagt Martin Nafzger. Der selbständige Gartenbauer hat bereits gelernt, wie man die Bäume beurteilt und dem Auftraggeber eine Empfehlung abgibt, wie er seinen Baum natur-schonend pflegen kann. Dazu gehört auch die Kronenpflege im Feinast-Bereich, da sich sonst der Baum zu wenig ernähren kann.
Auf das richtige Mass komme es an, sagen beide. «Wer zu radikal eingreift, erreicht meist das Gegenteil, weil der Baum extrem reagiert und seine ursprüngliche Blattmasse wieder herstellen will.» Die Unterversorgung nach einem zu grossen Schnitt hat ungewollte Folgen: Der Baum zieht Nährstoffe ab. Er bindet die Reserven vom gesunden Baumteil, «was bis in die Wurzeln feststellbar ist», berichten die Baum-Experten.
Mit dem Fuchsschwanz wird der Baum von zu grossen Druck-und Zugverhältnissen entlastet.
Zur Motorsäge wird nur gegriffen, wenn ein Baum ganz gefällt werden muss. Auch an schwer zugänglichen
Orten, zum Beispiel in Wohngebieten, wo Bäume stückweise auf engstem Raum abgetragen werden müssen, kommt der Baumpflege-Spezialist meist mit Umlenkrolle und Seil aus.



Weitere Infos erhalten Sie unter:
info@nafzger-gartenbau.ch